Kinderängste

Letztes Update:

März 30, 2022
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Lesezeit: 8 Minuten

Es gibt keine psychische Immunität 
Was wir Eltern aus der Corona-Krise lernen können.
7 Erkenntnisse eines Psychotherapeuten

Lehren aus Corona

Das Coronavirus ist ein erfolgreiches Virus.

Corona ist besonders erfolgreich im Hinblick auf die Psyche der Menschen.

Die Menschen haben durch Corona ein Thema, das alle möglichen unterschiedlichen psychischen Umgangsformen und Spielwiesen der Psyche eröffnet.

Corona ist die Krise, die unsere Lebensentwürfe und psychischen Reaktionsformen auf die Probe stellt. Corona zeigt uns, wie unterschiedlich Psychen auf Krisen reagieren und Corona zeigt eindringlich, was Kinder von ihren Eltern brauchen.

Die Politiker könnten hier ebenso viel von guten Eltern lernen, die ihre Kinder angesichts einer Krise stärken und zu entsprechend hilfreichem Verhalten ermutigen.

Schauen wir uns an, was Corona uns über unsere Psyche beibringt.

Psyche ist immer

Egal, ob sich das Virus langsam eingeschlichen hat und mit der Zeit gefährlicher oder ansteckender wurde oder ob es plötzlich und mit Wucht da war: Es hat die Menschen weltweit aufgewühlt.

Die Informationsflut über das Virus, die Gefährlichkeit und notwendige Regeln, um die Auswirkungen der Pandemie zu mildern, führte dazu, dass es kaum bis gar nicht möglich war, sich dem Ganzen zu entziehen.

Psychischen Symptomen kann man sich genauso wenig entziehen. Wenn unsere Psyche mit "Symptomen" auf innere oder äußere Ursachen reagiert, dann können wir diese nicht ignorieren.

Wir sind nicht immun gegen die Mechanismen der Psyche.

Psychische Krisen wirken sich auch nicht nur punktuell aus, sondern können weite Kreise ziehen – in der betroffenen Person selbst, in der gesamten Familie oder auch im Umfeld des Betroffenen.

Eine Depression zum Beispiel ist zwar etwas sehr Persönliches, aber sie wirkt sich aus:

Auf das Denken des Betroffenen, die Stimmung des Betroffenen, die Motivation, das Handeln.

Sie wirkt sich auch auf das Umfeld aus: Depressionen ziehen ihr Umfeld mit in ihren Bann und das Umfeld wird selbst depressiv. Eltern fühlen sich ohnmächtig und hilflos, resignieren, wissen nicht, wie sie mit ihrem depressiven Kind oder Jugendlichen umgehen sollen.

Oder das Gegenteil passiert: Das Umfeld wird rasend, wird aggressiv und reagiert mit hilfloser Wut auf die psychischen Symptome des Betroffenen.

Das Virus ist unsichtbar und kann überall sein.

Natürlich reagieren wir hier – äußerlich oder innerlich, mit Angst, mit Hilflosigkeit, mit Wut auf die Einschränkungen und Regulierungen.

Wenn die inneren Krisen der Psyche zu Symptomen führt, kann man sich diesen genauso wenig entziehen. So weiter machen wie bisher wird schwierig.

Psyche ist vielfältig

Jeder Mensch reagiert auf seine persönliche Art auf die Bedrohung durch das Virus.

Es gibt die Ängstlichen, die jeden Kontakt meiden und selbst beim Spaziergang im Wald Maske tragen.

Es gibt die Zwanghaften, die sich die Hygiene zur Lebensaufgabe machen und alles desinfizieren und wegwaschen wollen, was bedrohlich erscheint.

Es gibt die Rationalen, die sich die Statistiken anschauen und ihre persönliche Wahrscheinlichkeit am Virus zu sterben ausrechnen.

Es gibt die Wütenden, die angesichts der Einschränkungen und Regulierungen, zornig werden.

Es gibt die Beschwichtiger, die die Gefahren klein reden und dadurch (wenn sie Politiker sind) die Gesundheit ganzer Länder riskieren.

Es gibt, es gibt, es gibt nichts, was es nicht gibt.

Anhand der verschiedensten inneren und äußeren Reaktionen zeigt sich die Vielfalt unserer Psyche.

Genauso ist es mit den psychischen Symptomen.

Menschen können aus ein und demselben Grund die unterschiedlichsten psychischen Symptome entwickeln.

Ein Kind wird von den Mitschülern ausgegrenzt.
Kind A reagiert mit Rückzug und Traurigkeit.
Kind B versucht sich trotzdem mit dazu zu quetschen und die Mitschüler zu Kontakt zu „zwingen“.
Kind C wird sauer und beginnt zu schlagen.
Kind D kaut als Reaktion Nägel.
Kind E geht nach Hause und ärgert den Bruder.
Kind F geht zur Lehrerin und beschwert sich.
Usw.

Jeder reagiert auf seine persönliche Art auf Krisen. Keine Art ist per se falsch, sondern nur eine von vielen Umgangsformen mit Krisen.

Jedoch gilt: Je mehr verschiedene Umgangsformen unsere Kinder kennenlernen, desto flexibler können sie mit den persönlichen Krisen im Leben umgehen.

Es gibt Worte, die alles schlimmer machen können


Wir erleben Politiker, die die Gefahren des Virus betonen.

Die Corona-Vokabeln beschränken sich hie und da auf Worte wie „Kampf“, „Risiken“, „Pflicht“.

Diese Worte wecken gerade nicht den Mut, sich der Angst zu stellen. Sie wecken ANGST.

Genauso können wir als Eltern genau die falschen Worte finden.

Zu mir kommen viele Kinder mit einer Angst-Problematik.

Manchmal passiert es, dass ein kleines Kind gerade in den ersten Terminen auch Angst vor mir hat, 
da es mich noch nicht kennt. Dann höre ich z.B. von Mama oder Papa des Kindes den gut gemeinten Satz: „Das ist der Herr Hetterich, der tut dir nichts“ …

Kannst du dir vorstellen, was sich das Kind denkt?

Unsere Psyche kennt Wörter die verneinen nicht.
Als erstes hört dieses Kind eben nicht, dass der Therapeut "ungefährlich" ist.
Es hört etwas anderes: Es gibt Menschen, die tun dir was…
Das Kind denkt sich: Hoffentlich täuscht sich Mama/Papa da mal nicht, dass der Therapeut mir nichts tut.

Kinder brauchen Worte, mit denen sie sich verstanden fühlen
und Worte, die die Befürchtungen zugleich nicht noch größer machen.

Achte auf deine Worte und welche Botschaften du implizit mit transportierst.

Es gibt Worte, die helfen und stärken können

Manche Politiker machen mit ihren Aussagen eher Angst, 
andere ermutigen, dass die Pandemie mit der Hilfe jedes Einzelnen bewältigbar ist.

Genauso brauchen Kinder insgesamt und erst recht in psychischen Krisen Eltern, 
die ermutigen und im Kind die Fähigkeit schon sehen können, mit der Krise umzugehen
.

Das Kind, das zu mir in die Therapie gebracht wird und vorher hilfreiche Worte gehört hat, wird sich deutlich leichter tun, seine Angst zu überwinden: 
„Ich weiß, dass du aufgeregt bist. Aber weißt du was: ich habe gesehen, der Therapeut hat ganz viele Spielsachen. Ich bin mir sicher, du wirst dich gut mit ihm verstehen.“

Worte, die die schwierigen Gefühle des Kindes aufgreifen und zugleich eine Perspektive auf Veränderung des Gefühls bieten, sind unglaublich wertvoll.

Die Augen verschließen bringt nichts

Es bringt nichts, als Gesellschaft die Augen vor dem Virus zu verschließen.

Wenn Politiker bagatellisierten, mussten sie kurz darauf feststellen,
wie die Corona-Fallzahlen und schweren Verläufe im eigenen Land in die Höhe schossen.

Es bringt nichts, zu sagen, das vergeht schon wieder von alleine.
Genauso wenig bringt es etwas, vor psychischen Krisen die Augen zu verschließen.

Psychische Krisen aufgrund vorübergehender äußerer Ereignisse (Umzug, neue Schule, Wegzug eines Freundes, Trennung) vergehen tatsächlich von alleine.

Wenn aber die psychische Krise vorher schon vorhanden war oder sich bereits in vielen verschiedenen Situationen zeigt, dann hilft es nicht, die Augen zu verschließen.

Es braucht eine Taktik mit der Krise umzugehen.

Es braucht einen Punkt, auf den man hinarbeitet.

Es braucht eine klare Grenze, ab der jemand auf Hilfe von außen zurückgreift.


Die Ausbreitung des Virus kann durch sinnvolle (!) Maßnahmen vermindert werden.

Genauso kann eine psychische Krise oder Krankheit behandelt werden.

Du als Mutter oder Vater kannst deine Verantwortung übernehmen und überprüfen, was du ändern kannst und was nicht. Wenn du dir nicht sicher bist, ob dein Kind Hilfe braucht, lass dich beraten und vereinbare einen Termin bei einem Kinderpsychotherapeuten oder in einer Beratungsstelle.

Hauptsache, du tust etwas.
Warte nicht ab, bis sich Probleme verfestigen.

Der Weg aus der Angst führt durch die Angst

Es bringt nichts, sich wegen des Virus zuhause einzusperren.

Je weniger Erfahrungen die Menschen mit anderen Menschen machen, umso größer sind die Befürchtungen. Wer nur zuhause bleibt und sich allein über die Medien informiert, läuft große Gefahr, sich allein von der Angst leiten zu lassen.

Wer jedoch seine eigenen vier Wände verlässt und weiß, dass er das Risiko für eine Infektion selbst relativ gut kontrollieren kann (z.B. durch die allseits bekannte Trias aus Abstand, Hygiene und Alltagsmaske), wird erleben, dass er gar nicht so viel Angst haben muss.

Genauso verhält es sich mit psychischen Krisen.

Wer weiß, dass diese Krise gerade existiert, kann leichter damit umgehen. 

Er kann ausprobieren, wann kommt die Krise, wann geht sie, wann ist sie stärker, wann ist sie schwächer. Als Eltern ist es möglich, sich klarzumachen, dass das eigene Verhalten hilfreich oder eben nicht hilfreich sein kann.

Beginne zu experimentieren.

Versuche mal etwas anders zu machen, damit du von deiner Seite her die eingespielten Muster verlässt.

Ein Beispiel:

Dein Kind hat Angst vor Dunkelheit? Dann schalte nicht alle Lichter an.
Probiere zusammen mit deinem Kind aus, wieviel Dunkelheit es schon verträgt.
Lässt sich das Nachtlicht noch etwas dunkler machen?
Reicht es vielleicht, wenn das Licht am Flur an ist?
Oder genügt ein klitzekleines Licht im gegenüberliegenden Raum?
Werde zusammen mit deinem Kind neugierig, was seine Psyche schon meistert und was eben nicht.

Der Weg dabei muss klar sein:
Der Weg aus der Angst führt nur durch die Angst – in verdaubaren Portionen.

Je mehr man versteht, umso besser

Die Wissenschaftler und Forscher geben ihr Bestes, dem Virus auf die Schliche zu kommen. Wie wirkt es? Wie ist es aufgebaut? Wie lässt es sich stoppen? Wie verändert es sich?

Es gibt immer wieder Fragen, die weiterhelfen können.

Genauso ist es mit der Psyche.

Je besser wir die Psyche und ihre Wirkungsweise verstehen, desto leichter können wir wirklich hilfreiche Wege finden, damit umzugehen. Wir können herausfinden, was die psychischen Schwierigkeiten befeuert oder was sie lindert.

Wir können den Kindern in ihren psychischen Krisen besser helfen,
wenn wir Psyche wirklich verstehen.

Ansonsten laufen wir Gefahr bei oberflächlichen Versuchen,
unser Kind „zum Funktionieren“ zu bringen, stehen zu bleiben.

Je mehr du dein Kind in seinen inneren Gründen für die Krise verstehen kannst,
um so besser kannst du ihm aus der Krise heraushelfen.

Und so sind und bleiben Krisen immer auch eine Chance

Die Coronazeit ist die Krise, die uns zum Nachdenken bringt, was wirklich wichtig ist,
worauf es ankommt im Leben. Corona ist die Krise, die uns als Menschen auf den Prüfstand stellt.

Wie solidarisch sind wir? Wie sehr gelingen uns tatsächlich Diskussionen, in denen wir uns auf die Argumente des Gegenübers einlassen?

Corona zeigt uns, wie mächtig Psyche sein kann.

Psychische Krisen des eigenen Kindes sind die Chance für uns als Eltern.

Welche ungesunden Muster haben sich in unserer Kommunikation in der Familie eingeschlichen?

Welche Erziehungsmuster habe ich mir als Mutter oder als Vater angewöhnt, die eventuell gar nicht mehr „passend“ für den Entwicklungsstand meines Kindes sind?

An welchen Punkten sollte ich als Mutter, als Vater, als Mensch „wachsen“
und damit meinem Kind zur Überwindung der eigenen Krisen helfen?

Krise ist immer eine Chance auf Veränderung.

Nutze sie.

Herzliche Grüße

Als Psychologe und Kinder- und Jugendlichen-psychotherapeut begleite ich seit über 20 Jahren Eltern, Kinder und Jugendliche in und durch psychische Krisen.
Alle psychischen Probleme entstehen aus (meist unbewussten) Gründen. Je mehr wir über diese Ursachen wissen, umso leichter finden wir auch hilfreiche Wege, damit umzugehen.
Denn: Verständnis ist der Schlüssel zur Veränderung.

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Oft sehr schwierig sonst gute und seriöse Informationen zu finden und einen guten Psychotherapeuten für Kinder zu finden ist sehr schwierig und wenn lange Wartezeiten; durch Therapie2go sofort Hilfestellungen im Alltag als Elternteil"



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