Aus Liebe begrenzen


Stefan Hetterich  




“Ich hätte viel lieber strengere Eltern.“


Als ich diesen Satz zum ersten Mal von einer Jugendlichen hörte, traute ich meinen Ohren kaum.

Ich musste nochmal nachfragen. Als sie den Satz wiederholte, verstand ich sie immer noch nicht.

Dann erklärte sie mir:

Bei den anderen, die nicht alles dürfen, weiß ich, dass die ihren Eltern wichtig sind. 

Wann setzen meine Eltern mir mal Grenzen?

Ich weiß gar nicht, ob die sich für mich interessieren.“


Mich hat das damals sehr berührt.


Diese Sätze der Jugendlichen bringen den Zusammenhang zwischen Liebe und Grenzen auf den Punkt.


Grenzen aus Liebe zum Kind sind etwas sehr Wertvolles.


Auch wenn dein Kind noch lange nicht jugendlich ist, so kennst du vermutlich den Konflikt:


Wann begrenze ich mein Kind?

Wann fordere ich von meinem Kind mehr ein?

Wann gehe ich bei einem Streit zwischen meinen Kindern dazwischen?


Manchmal erwächst genau aus diesem Thema eine psychische Problematik:


Nehmen wir als Beispiel Angst:

Dein Kind hat Angst auf dem Spielplatz beim Rutschen angerempelt zu werden und will deshalb nicht rutschen, wenn andere Kinder da sind?

Eigentlich kein Problem:
Man könnte sagen: dann geht halt erst auf den Spielplatz, wenn keiner mehr da ist.
Oder wäre es genau dann doch wichtig, darauf zu pochen, dass dein Kind der Angst nicht ausweicht?


Gar nicht so einfach, in jedem Moment zu wissen, wann dein Kind Grenzen braucht
und wann es selbst entscheidet.

Bei Jugendlichen fallen diese Konflikte umso größer aus:

Wieviel Medienzeit ist in Ordnung?

Solltest du es stillschweigend tolerieren, wenn dein Kind jedes Wochenende betrunken nach Hause kommt oder nicht?

Oder, nehmen wir wieder eine Angstproblematik:
Was machst du, wenn dein Kind sich zu Hause einigelt, weil es Angst hat, es könnte Opfer eines Gewaltverbrechens werden, wenn es das Haus verlässt?

Solltest du eine Grenze ziehen und dein Kind rausschicken,
auch wenn du siehst, wie sehr es in Panik gerät?



Es gibt zwei wesentliche Kriterien, 

womit du erkennen kannst,

ob eine Grenze gerade angemessen ist.


1. Können durch die Grenze wesentliche Bedürfnisse erfüllt werden?

2. Lässt die Grenze dein Kind wachsen?


1. Können durch die Grenze wesentliche Bedürfnisse erfüllt werden?


Kennst du die Bedürfnisse deines Kindes?

Nein, ich spreche wieder mal nicht von den Wünschen deines Kindes.
Der Wunschzettel dürfte lang genug sein.


Nein, ich meine die echten Bedürfnisse.


Das beginnt bei den Grundlagen:


Dein Kind ist ständig so beschäftigt, dass es vergisst zu trinken?
Natürlich ziehst du hier eine Grenze und forderst dein Kind auf, etwas zu trinken.


Oder dein Kind kippt vor Müdigkeit fast vom Stuhl und braucht dringend Schlaf?
Natürlich bringst du es nun ins Bett, selbst wenn es noch so gerne aufbleiben will,
weil das gemeinsame Spiel gerade so schön ist.


Oder nehmen wir Sicherheits-Bedürfnisse:
Dein Kind überfordert sich und will im Urlaub alleine losziehen,

obwohl es die Gegend nicht kennt und noch nicht alt genug ist, um sich selbst orientieren zu können. Natürlich gibt es hier nur eine richtige Antwort auf die Frage deines Kindes: Nein.

Oder soziale Bedürfnisse: Dein Kind hat Angst vor anderen Kindern?
Zugegeben hier wird es schon schwieriger.
Aber wenn du weißt, dass ihm in der Realität keine Gefahr droht,
solltest du dein Kind in seiner Angst begrenzen und Treffen mit anderen Kindern oft ermöglichen,
damit es Übung im Umgang mit anderen bekommt.


Oder nehmen wir einen typischen Konflikt mit Jugendlichen:
Das Bedürfnis „gesunde Entwicklung“ wird dann verletzt,
wenn dein Kind exzessiv Alkohol trinkt oder sonstige Drogen nimmt.
Hier ist die Begrenzung wichtig.


Grenzen sind wichtig, wenn sie dafür sorgen, 

dass grundlegende Bedürfnisse deines Kindes erfüllt werden.


 


2. Lässt die Grenze dein Kind wachsen?


Ist es eine Grenze, die dein Kind ermutigt, sich bestimmten Herausforderungen zu stellen?


Dann ist sie eine wichtige Grenze.


Sven ist ein pfiffiger Junge. Vor ein paar Wochen hatte er seinen 10. Geburtstag gefeiert.
Es waren viele Freunde da und alle zusammen hatten viel Spaß.
Leider war es keine Übernachtungsparty geworden. Die hätte Sven sehr gern gemacht
– genau so wie bereits andere Kinder aus seiner Klasse.
Aber Sven hatte ein Geheimnis, das die anderen besser nicht erfahren durften:
Sven hatte Angst vor der Dunkelheit in der Nacht.
Nie konnte er sich sicher sein, ob sich eine Gestalt hinter der Kommode auf dem Flur verbarg.
Eigentlich wäre die Nische hinter der Kommode ein gutes Versteck für Einbrecher.
Und in mancher Nacht hatte er auch verdächtige Geräusche vom Flur gehört.
Zum Glück durfte er bei Mama und Papa schlafen
– aber das wäre auf einer Übernachtungsparty ja echt oberpeinlich gewesen.

Sven würde eine Grenze absolut helfen.

Eine Grenze, die dafür sorgt, dass er sich den eigenen Ängsten stellen und diese überwinden kann.


Vielleicht wäre es ihm möglich, seine Ängste zu bekämpfen?

Vielleicht wäre es ihm möglich, 15 Minuten in seinem Bett zu bleiben, bis er zu Mamas Bett wechselt? Vielleicht wäre es ihm möglich, 30 Minuten in seinem Bett zu bleiben?

Vielleicht kann er sogar mit der Zeit in seinem Bett einschlafen?


Svens Eltern werden es nicht erfahren, was ihr Kind schon alles kann, wenn sie ihn nicht begrenzen, sondern gewähren lassen. Hier ist eine Grenze zur Überwindung der Ängste absolut wichtig.


Im Buch „Ängste bei Kindern und Jugendlichen“ beschäftige ich mich mit den häufigsten Angstarten und damit, was Kinder bei Ängsten von ihren Eltern brauchen.


Es gibt noch viele Situationen, in denen Kinder durch eine
haltgebende Begrenzung durch die Eltern wachsen können:


Ein Kind kann das Einmaleins nicht und drückt sich vor dem Lernen.

Ein anderes Kind fürchtet sich vor Gleichaltrigen.

Ein Jugendlicher traut sich nichts zu und verzieht sich nur noch in sein Zimmer:
Natürlich helfen ihm Grenzen, die dafür sorgen, dass er sich bestimmten Herausforderungen selbst stellen muss, damit er wieder Erfolgserlebnisse haben kann.


All dies sind beispielhafte Situationen, in denen Kinder wachsen können
– wenn sie von ihren Eltern entsprechend begrenzt werden.

Wachstum passiert genau an der Schnittstelle zwischen Fähigkeiten und Anforderungen.


Überfordere dein Kind nicht mit deiner Grenze.
Aber fordere von ihm das, was du ihm tatsächlich zutraust.


Grenzen, die dein Kind wachsen lassen, sind wichtig.
 



Eines steht fest: Eltern, die ihre Kinder lieben, setzen ihnen die nötigen Grenzen.

Und manch ein Kind wird sich zwar nach außen hin über die Grenze beschweren,
aber in seinem Inneren wird es spüren, dass du es begrenzt, weil du dein Kind liebst.



Welche Grenzen sind aus deiner Sicht noch wichtig?

Welche Haltung hast du zum Thema Grenzen?

Weitere Punkte, die für eine gesunde Eltern-Kind-Beziehung wichtig sind,
findest du in diesem Blog-Artikel


Ich freue mich auf deine Rückmeldung.



Dein Stefan Hetterich


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